Bundesamt für Naturschutz

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Auswertung Wirbeltiere

Rote Liste - Band 1: Wirbeltiere (2009)

Gesamtauswertung über die Wirbeltiergruppen

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 Landwirtschaftsverlag

  1. Die aktuellen Roten Listen sind fachlich fundiert, haben eine deutlich bessere Datengrundlage und Aussagekraft als die vorangegangenen Listen und ermöglichen auch ohne direkten Vergleich mit den alten Listen klare und eindeutige Aussagen.
  2. Die Roten Listen sind das Ergebnis eines langjährigen Prozesses, der sehr wesentlich auf der engagierten, ausdauernden und überwiegend ehrenamtlichen Arbeit von Experten fußt und ohne diese nicht zu realisieren gewesen wäre.
  3. Im Vergleich der kurz- mit den langfristigen Entwicklungen zeigen sich Stabilisierungen bei vielen Arten, z.T. auch Verbesserungen (Details unten). Diese Entwicklungen sind auch durch Erfolge von Naturschutzmaßnahmen zu erklären.
  4. Dennoch gibt es nach wie vor auch viele Arten mit anhaltenden Rückgängen, d.h. es besteht weiterhin dringender Handlungsbedarf.
  5. Der 1. Band „Wirbeltiere“ betrachtet nur weniger als 1 % der Arten in Deutschland, darunter viele, für die spezielle Artenschutzmaßnahmen durchgeführt und auch wirksam wurden (z.B. Jagdverbote, Gelegebewachung bei Greifen, Fledermausnisthilfen in Häusern, Amphibientunnel). Somit stellen diese Arten zwar nur einen kleinen Ausschnitt der Artenvielfalt in Deutschland dar, zugleich aber denjenigen, in den sehr große Naturschutzanstrengungen gerichtet wurden. Daher sind die Aussagen nicht zu verallgemeinern und ohne Weiteres auf andere Tiergruppen, wie die Wirbellosen, zu übertragen.

Im Detail

In Deutschland kommen mindestens 48.000 Tierarten und mehr als 24.000 Pflanzen und Pilze vor. Davon werden 478 Taxa (< 1 % aller Tiere, Pflanzen und Pilze) in diesem Band bewertet. Dies sind zwar die bekanntesten Taxa mit großen Tierarten, aber dennoch darf die hier vorgenommene Beurteilung nicht auf die gesamte Artenvielfalt Deutschlands übertragen werden. Für viele der hier behandelten Arten werden im Naturschutz vergleichsweise große Anstrengungen unternommen.
Außerdem wird die überwiegende Mehrzahl der Wirbeltiere des Meeres (Meeresfische) nicht in diesem Band behandelt, da auf Meeresorganismen völlig andere Gefährdungs­faktoren einwirken als auf die Fauna des Binnenlandes. Auch dadurch ist keine Verallgemeinerung der Ergebnisse des 1. Bandes für die gesamte Organismenvielfalt Deutschlands möglich.

Der 1. Band beinhaltet die Roten Listen für fünf Tiergruppen: Säugetiere (Mammalia), Brutvögel (Aves), Kriechtiere (Reptilia), Lurche (Amphibia) sowie Süßwasserfische und -Neunaugen (Pisces und Cyclostomata).
Die Rote Liste der Fische und Rundmäuler des Meeres wird in einem gesonderten Band zusammen mit den Listen der marinen Invertebraten und marinen Großalgen erscheinen.

Nachfolgend die Artenzahlen der Wirbeltiergruppen des vorliegenden Bandes + Neobiota (44 Neobiota d.h. 8,4 % aller behandelten 522 Taxa). Siehe dazu auch Abbildung 1.


Abb. 1: Verteilung der bewerteten Taxa auf die Wirbeltiergruppen des vorliegenden Bandes.
Abb. 1: Verteilung der bewerteten Taxa auf die Wirbeltiergruppen des vorliegenden Bandes.

Artenzahlen der Wirbeltiergruppen und Neobiota in Band 1 der Roten Listen
Gruppe Bewertete Taxa Neobiota
Summe 478 44
Säugetiere (Mammalia) 96 9
Brutvögel (Aves) 260 20
Kriechtiere (Reptilia) 13 0
Lurche (Amphibia) 20 1
Süßwasserfische und -Neunaugen
(Pisces et Cyclostomata)
89 14

207 Taxa werden in den Kategorien 0 (ausgestorben oder verschollen), 1 (Vom Aussterben bedroht), 2 (Stark gefährdet), 3 (Gefährdet), G (Gefährdung unbekannten Ausmaßes) und R (extrem selten) der Roten Liste aufgeführt. Das entspricht mit 43 % knapp der Hälfte aller bewerteten Wirbeltiere. Fast 28 % (132 Taxa), also ein erheblicher Anteil der Wirbeltierfauna, sind aktuell bestandsgefährdet (Kat. 1, 2, 3 und G). Zusammen mit den insgesamt 37 bereits ausgestorbenen bzw. verschollenen Arten (7 %) macht diese Gruppe sogar deutlich mehr als ein Drittel (35 %) aller hier bewerteten Wirbeltiere aus. Die Verteilung der Arten der fünf Tiergruppen auf die Gefährdungskategorien sind in Abbildung 2 dargestellt.


Abb. 2: Gefährdungssituation in den einzelnen Wirbeltiergruppen, aufgeteilt nach dem Anteil der Taxa in den jeweiligen Rote-Liste-Kategorien (n = 478). Die absolute Zahl von Taxa ist in jeden Säulenabschnitt eingetragen. Bei Auswertungen werden Neobiota vereinbarungsgemäß nicht berücksichtigt.
Abb. 2: Gefährdungssituation in den einzelnen Wirbeltiergruppen, aufgeteilt nach dem Anteil der Taxa in den jeweiligen Rote-Liste-Kategorien (n = 478). Die absolute Zahl von Taxa ist in jeden Säulenabschnitt eingetragen. Bei Auswertungen werden Neobiota v

Die Kriechtiere sind mit > 60 % bestandsgefährdeten Taxa die am stärksten gefährdete Wirbeltiergruppe. Die anderen Wirbeltiergruppen weisen alle unter 40 % bestandsgefährdete Taxa auf (Kategorien 1, 2, 3 und G).

Über die Hälfte der Taxa steht nicht auf der Roten Liste (213 ungefährdete Taxa = 44,6 %). 44 Taxa (9,2 %) sind auf der Vorwarnliste und bedürfen besonderer Aufmerksamkeit, da bei ihnen die Gefahr besteht, dass sie künftig in eine Gefährdungskategorie gelangen. Bei 14 Arten (2,9 %) existiert eine für eine Einstufung unzureichende Datenlage.

Erfolge für den Naturschutz

Durch den Vergleich der beiden Kriterien „langfristiger Bestandstrend“ (50 bis 150 Jahre) und „kurzfristiger Bestandstrend“ (10 bis 25 Jahre) lässt sich ablesen, ob sich gegenüber den längerfristigen Entwicklungen kurzfristig Änderungen ergeben haben: Als Erfolge für den Naturschutz gelten dabei solche Trendänderungen, bei denen die Bestände zwar langfristig zurückgehen, deren Bestände im Zeitraum des kurzfristigen Trends aber gleich geblieben sind (99 Taxa, 21 %, darunter Bechsteinfledermaus, Baummarder, Weißstorch, Flussuferläufer, Mauereidechse, Äskulapnatter und kleiner Wasserfrosch) oder sogar deutlich zugenommen haben (44 Taxa, 10 %). Die Anzahl der Arten, die Rückgänge/Abnahmen, gleichbleibende Bestände oder Bestandszunahmen im langfristigen bzw. kurzfristigen Trend zeigen, ist in der Abbildung 3 dargestellt.


Abb. 3: Vergleich von langfristigem und kurzfristigem Trend ohne „Daten ungenügend“ (langfristig n = 410; kurzfristig n = 417). Die Klassen <<< / ↓↓↓: sehr starke Rückgänge/Abnahmen; << / ↓↓: starke Rückgänge/Abnahmen ; < / (<) / ↓ : mäßige Rückgänge bzw. Ausmaß der Rückgänge/Abnahmen unbekannt werden zu Rückgang/Abnahme zusammenfasst. Bei Auswertungen werden Neobiota vereinbarungsgemäß nicht berücksichtigt.
Abb. 3: Vergleich von langfristigem und kurzfristigem Trend ohne „Daten ungenügend“ (langfristig n = 410; kurzfristig n = 417)

Gerade die letztgenannten Arten mit deutlichen Bestandserholungen sind ein großer Erfolg. Diese Arten verteilen sich zu etwa je einem Drittel auf die drei artenreichen Gruppen (Vögel, Säugetiere, Süßwasserfische). Bei 5 Arten ist die Trendumkehr besonders stark, da die Bestände langfristig sehr stark zurückgegangen waren. Für diese Umkehr werden bei Fischotter, Wolf und Biber Naturschutzmaßnahmen verantwortlich gemacht. Besonders bei den selten gewordenen Arten dürfen die Maßnahmen auf lange Sicht keinesfalls nachlassen. Die Wirkung solcher Maßnahmen wird auch für 8 weitere Taxa angegeben (Wildkatze, Großes Mausohr, Fransenfledermaus, Seehund und sowie als zusätzlicher Grund für zumindest regionale Bestandsstabilisierungen bei Laubfrosch, westlicher Smaragdeidechse, Mauereidechse und Äskulapnatter). Bei Wolf und Großem Mausohr liegen aber Risikofaktoren vor, so dass sich diese positive Entwicklung wohl in Zukunft nicht mehr fortsetzen wird. Einen Überblick darüber, wie die Situation im kurzfristigen Bestandstrend für alle Wirbeltierarten der fünf Tiergruppen ist, deren langfristiger Bestandstrend Rückgänge zeigt, ist in Abbildung 4 dargestellt.



Abb. 4: Wirbeltiere, deren Bestände langfristig zurückgehen (n = 223) und deren Bestände im Zeitraum des kurzfristigen Trends zugenommen haben (44 Taxa), gleich geblieben sind (99 Taxa), weiterhin abgenommen haben (69 Taxa) oder deren kurzfristiger Trend unbekannt ist (11 Taxa). Bei Auswertungen werden Neobiota vereinbarungsgemäß nicht berücksichtigt.
Abb. 4: Wirbeltiere, deren Bestände langfristig zurückgehen (n = 223) und deren Bestände im Zeitraum des kurzfristigen Trends zugenommen haben (44 Taxa), gleich geblieben sind (99 Taxa), weiterhin abgenommen haben (69 Taxa) oder deren kurzfristiger Trend

Negative Entwicklungen

Steinschmätzer

Anhaltende starke Bestandsrückgänge im kurz- und langfristigen Trend zeigen sich u.a. bei Feldhamster, Seggenrohrsänger, Rotkopfwürger, Kampfläufer, Großtrappe, Goldregenpfeifer, Alpenstrandläufer, Seeregenpfeifer, Uferschnepfe, Steinschmätzer, Brachpieper, Bekassine, Wendehals und Kiebitz.

- Die Erhaltung dieser Arten ist nur in Kooperation mit der Landwirtschaft zu erreichen. Für den Feldhamster sind krautreiche Feldraine und mehrjährige Kulturen notwendig, in denen er Deckung, Nahrung und Wintervorräte findet. Die meisten genannten Vogelarten brüten am Boden auf Feuchtwiesen oder Äckern. Ihr Bruterfolg ist abhängig davon, dass die Bodenbearbeitung die Neststandorte ausspart.

Besonders herauszustellen sind die 8 Endemiten, für die Deutschland allein die Verantwortlichkeit besitzt. Davon ist eine Art ungefährdet (Königssee-Saibling), drei gelten als natürlicherweise extrem selten (Helgoländer Hausmaus, Ammersee-Tiefensaibling, Stechlin-Maräne), zwei als stark gefährdet (Luzin-Tiefenmaräne, Schaalsee-Maräne) und zwei als vom Aussterben bedroht (Chiemsee-Renke, Ammersee-Kilch).

- Für Chiemsee-Renke und Ammersee-Kilch fehlt bislang eine wissenschaftliche Analyse der Rückgangsursachen. Unbedingt erforderlich sind die Entwicklung eines von allen Seenutzern getragenen Schutzkonzeptes und dessen konsequente Umsetzung.

Prioritätensetzung im Naturschutz: die wichtigsten Informationen, die der Roten Liste hierfür entnommen werden können, sind die Angabe der Rote-Liste-Kategorie, der kurzfristige Bestandstrend insbesondere im Vergleich zum langfristigen und die Verantwortlichkeit Deutschlands für die weltweite Erhaltung von Arten. Für die Brutvögel liegt derzeit keine Verantwortlichkeitsanalyse gemäß des 2004 mit zahlreichen Experten für Deutschland abgestimmten Einstufungssystems vor, daher können nur Aussagen zu den vier übrigen Gruppen mit 218 Taxa getroffen werden.

- Die drei Arten Bayerische Kleinwühlmaus, Bodensee-Tiefseesaibling und Bodensee-Kilch, für deren weltweite Erhaltung Deutschland eine besonders hohe Verantwortlichkeit zukommt, sind bei uns alle in den letzten 50 Jahren ausgestorben. Die beiden Bodenseefische sind damit auch weltweit ausgestorben.

- Mit höchster Priorität muss das Aussterben der Chiemsee-Renke und des Ammersee-Kilchs verhindert werden, da Deutschland für diese beiden Fische eine besonders hohe Verantwortlichkeit besitzt und sie in die Rote-Liste-Kategorie 1 eingestuft sind.

- Mit besonders hoher Priorität sind die folgenden Arten zu schützen: Kleine Hufeisennase, Huchen, Luzin-Tiefenmaräne, Schaalsee-Maräne (hohe